Fehlendes Problembewusstsein: Ein Gespräch über Cybermobbing in Deutschland

Ulrike Bertus arbeitet mit einer Schulklasse aktuell an einer besseren Einordnung der Themen Internet, Social Media und Datenschutz. Das Thema Cybermobbing nimmt dabei eine zentrale Rolle ein. Dabei sind Opfer und Täter gleichermaßen verunsichert und teilweise nicht fähig Grenzen zu ziehen. Doch das sind nicht die einzigen Probleme, die Ulrike während dieses Projektes begegnen.

In Deutschland steht das Thema Cybermobbing immer noch weitestgehend außerhalb des Fokus der Medien. Das hat seine Gründe. Da ich Ulrike gut kenne, habe ich sie zum Interview gebeten um über ihre Erfahrungen zu sprechen und die Bedeutung des Themas einzuordnen.

Du arbeitest aktuell mit einer Schulklasse an dem Umgang mit Social Media und Cybermobbing. Wie kam es dazu und wie hat die Schule das Problem eingeordnet?

Ich habe bis vor einigen Monaten für ein App-Portal gearbeitet. Eine Lehrerin fragte mich, ob ich etwas über den Beruf des Redakteurs erzählen wollte – von der ersten Minute drehte sich in der Klasse dann aber alles um in-App-Käufe, Datenschutz und Soziale Netzwerke. Das Problembewusstsein war in der Schule gar nicht so vorhanden; das kam erst. Als dann die für das Ganztagsangebot zuständige Lehrerin von meiner bis dahin ehrenamtlichen Arbeit mit der Klasse hörte, kam die Idee, eine Schulnetiquette zu entwickeln und das als Ganztagsangebot einzuordnen.

Sind Lehrer in das Projekt einbezogen bzw. hast du für diese auch gewisse Tipps, wie sie sich verhalten sollten, wenn ihnen gewisse Vorfälle auffallen?

Besonders engen Kontakt habe ich zu einer Lehrkraft und der Bibliothekarin der Schule. Wir stehen regelmäßig in Kontakt und man weiß dort, an wen man sich wenden kann. Das Projekt steckt noch in den Kinderschuhen und die Strukturen entwickeln sich langsam aber stetig.

Wie schätzt du allgemein die Medienkompetenz dieser Klasse ein. Wissen sie was sie dort tun?

Schwierige Frage! Zum einen ist es so, dass viele Schüler wissen, was sie dort tun. Leider ist es aber so, dass sie oftmals die Konsequenzen nicht sehen. Sie wissen, dass es Cybermobbing und Sexting gibt, das Daten gestohlen werden und Fake-Profile zuhauf bei Facebook zu finden sind. Aber die Transferleistung ist dann nicht immer möglich. „Das passiert mir schon nicht“ ist etwas, das ich nun schon mehrfach hörte. Das gilt übrigens dafür, Opfer wie auch Täter zu sein. Die Grenze zwischen „Ärgern“ und „Mobbing“ ist besonders bei Facebook oftmals zu unklar.

Gibt es auch Schüler, die Social Media aus eigenen Wunsch oder auf Drängen der Eltern stark einschränken oder komplett ignorieren?

Es gibt auf jeden Fall Schüler, die weniger als andere bei Facebook zu finden sind. Aber in der Klasse hat jeder ein Smartphone, manche sogar zusätzlich ein Tablet. Es herrscht schon ein recht starker Gruppenzwang, dem sich die Schüler kaum entziehen.

Wie gehen die Schüler mit dem Problem Cybermobbing um und wie viel Prozent der Schüler sind davon wie regelmäßig betroffen?

Zahlen sind schwer zu nennen. Die JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest von 2012 geht davon aus, dass rund 28 Prozent der Jugendlichen schon negative Erfahrungen mit dem Internet gemacht hat. Die Dunkelziffer liegt vermutlich jedoch eher höher.

Reden die Schüler offen über das Thema?

Genau das ist ein Problem. Besonders im Alter von 13 bis 16 Jahren geht es vielen Schülern darum, als cool dazustehen und sich in eine Gruppe einzugliedern.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Gespräch während eines Ausflugs. Wir waren in der Stadt, weil ich den Schülern einmal zeigen wollte, wie man sein Smartphone sinnvoll nutzen kann – beispielsweise mit Reiseführer-Apps. Eine Schülerin kam zu mir und erzählte, dass eine Freundin von ihr Opfer von Identitätsdiebstahl bei Facebook geworden war und es sie belaste, weil man so etwas immer nur hörte, aber man es für Angstmacherei hielt. Vor der ganze Klasse wollte sie über diese Sorge nicht sprechen. Es zeigt sich also, dass das Thema auch sehr viel mit Vertrauen zu tun hat – viele schämen sich, über die Ängste und Erlebnisse zu sprechen.

Welche Unterschiede kannst du im Gespräch zwischen Betroffenen und „Mobbern“ feststellen?

Vielen Mobbern ist gar nicht klar, was sie tun. Und es ist auch nicht immer das offensichtliche Mobben. Früher wurden Mitschüler, die man nicht mochte, auf dem Schulhof einfach ignoriert. Durch die Sozialen Netzwerke ist der Kreis der Ignoranz noch größer geworden. Es gibt Spiele bei Facebook, bei denen Profilbilder als „Top“ oder „Flop“ bezeichnet werden – da stellt sich die Frage: Ist das schon Mobbing? Das wird ein wichtiger Punkt in dem Projekt: Cybermobbing zu definieren und das anhand von eigenen Erfahrungen und dem Reflektieren des eigenen Verhaltens.

Wie wird das Thema deiner Einschätzung nach insgesamt in Schulen behandelt und wo siehst du erste Ansatzpunkte um den aktuellen Zustand zu verbessern?

Das Thema wird immer noch zu selten behandelt. Eltern sehen die Lehrer in der Pflicht, Lehrer die Eltern. Das Internet mit dem Sozialen Netzwerken hat sich in den vergangenen Jahren so schnell verändert, dass wir mit den richtigen Verhaltensweisen kaum nachgekommen sind.

Ein wichtiger Schritt wäre, dass Eltern und Lehrer gemeinsame Strategien entwickeln, wie sie Medienkompetenz vermitteln. Das Problem: viele Eltern haben selber kaum Ahnung von dem, was in „diesem Internet“ passiert, viele Lehrer übrigens auch nicht. Es müssen alle an einem Strang ziehen; im kommenden Schuljahr werde ich an einer Schule beispielsweise einen kleinen Workshop zu dem Thema halten, in dem es genau darum geht – mit Eltern und Lehrern gemeinsam über das Thema sprechen.

Hast du Kontakt zu Organisationen, die sich hierzulande mit dem Thema beschäftigen? Wie und wo treten diese auf?

Leider habe ich bisher kaum Kontakt zu Organisationen. Es gibt sehr gute Organisationen wie klicksafe von der Europäischen Union oder schau-hin.info vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Ein großes Problem ist, dass die Schulen selber aktiv werden müssen und viele der Lehrer den ersten Kontakt als Hürde sehen.

Im Vergleich zu anderen Ländern, wie den USA oder Großbritannien, ist das Thema Cybermobbing weniger beachtet hierzulande. Woran kann das liegen?

Zum einen ist das Problembewusstsein in Deutschland noch nicht recht weit entwickelt, was Cybermobbing oder Sexting angeht. Es gab noch kein Erlebnis, das gesellschaftlich aufgerüttelt hat. Da kann ich nur sagen: zum Glück. Aber besonders deshalb müssen wir uns mit dem Themenbereich nun befassen, bevor es zu spät ist. In Großbritannien und den USA nahmen sich im vergangenen Jahr beispielsweise fünf Schüler das Leben, weil sie bei ask.fm gemobbt wurden.

Wir müssen den Schülern zum einen ein Bewusstsein mitgeben, das ihnen zeigt, was falsch und richtig im Internet ist und zum anderen auch so viel Selbstbewusstsein mitgeben, dass sie sich wehren können und sich zur Not Hilfe suchen. Man wird Beleidigungen und Kränkungen nicht aus dem Internet vertreiben können, dazu bietet das Netz zu viele Möglichkeiten der Anonymität. Aber wir können Menschen das Wissen geben, wie sie mit Mobbing oder Sexting umgehen können und weder zu Opfern noch zu Tätern werden.

Wenn du Fragen oder Meinungen zum Thema Cybermobbing hast, hinterlasse Ulrike einfach unten einen Kommentar.

Photo credit: FixersUK

Meine Interviewpartnerin:

Social Media Beraterin Ulrike Bertus im Interview über Cybermobbing

Ulrike Bertus ist Journalistin und Beraterin für Soziale Kommunikation. Weil ihr das Schreiben und Beraten nicht genügt, geht sie in Schulen und spricht mit Schülern über Soziale Netzwerke und die Möglichkeiten und Gefahren. Sie bloggt hier privat, hier beruflich und bei Twitter ist sie auch gern unterwegs.