Twitter braucht mehr Dialog: Sag was, mach was, sei was!

Verfasst am 15.09.2011 in Social Media

Ich liebe den Sommer. Und wer weiß schon, wie lange es noch Temperaturen über 20° gibt dieses Jahr? Ich entschied also am Montag, gegen späten Nachmittag, mich eine Weile an den Bodensee zu setzen. Die Sonne genießen, ein wenig Spanisch lernen. Als ich am See ankam, saß, auf der einzigen Bank weit und breit, die zu dieser Zeit der Sonne ihre volle Aufmerksamkeit schenkte, ein Mann, der mich in Breite und Tiefe deutlich überragte. Seine Beine angewinkelt über die Bank gelegt, war er am telefonieren oder Selbstgespräche führen – so ganz war das nicht ersichtlich.

Ich wollte ihn nicht stören und setze mich ein Stück entfernt hin. Ohne Bank. Ich begann zu lesen. Irgendwann wurde es ungemütlich. Mein Rücken klagte. Ich drehte mich immer öfter zu der schönen Bank um. Der Mann saß noch genauso da, hörte jetzt aber Musik und spielte Sudoku. Das tat er eine ganze Weile. Ich kam mir blöd vor. Irgendwann aber, als es nur noch ungemütlich war, verließ ich meinen Platz. Ich baute mich vor ihm auf, bis ich seine Aufmerksamkeit hatte und fragte nach ein wenig Platz. Er hatte mich wohl auch schon beobachtet: “Klar, Sie müssen nur etwas sagen.”

Twitter: Warum soll ich dir folgen?

Twitter braucht mehr Dialog: Sag was, mach was, sei was!Das Ganze erinnerte mich ein wenig an das Social Web – vor allem an Twitter. Der gute Birger Hartung fasst das Dilemma in seiner Twitter-Bio zusammen: “Du folgst mir? Danke! Ich soll dir folgen? Gibt mir einen Grund: Sag was, mach was, sei was! Sei nicht schüchtern.”

Dieses Thema beschäftigt mich schon länger und dieser Beitrag war seitdem in meinem Kopf. Daher fand ich es durchaus witzig, dass ich beim innovate! 2011 in Osnabrück Birger kennenlernen durfte und dann das obige Zitat las. Ich denke jeder hat das schon einmal beobachtet: Nutzer, die einem folgen, entfolgen und dann wieder folgen um Aufmerksamkeit zu erregen. Manche geben auch direkt wieder auf. Andere folgen weiter, stumm und frustriert.

Twitter und Dialoge: Das Potenzial ist da

Man fragt sich manchmal, wo denn hier das Thema “Dialog” versteckt ist, welches wir im Zusammenhang mit “Social Media” schon automatisch abgespeichert haben? Gilt das in den Augen mancher Twitterer nur für ihre beruflichen Tweets und privat hat man es direkt vergessen? Wie gehen Freiberufler mit diesem Thema um? Klar ist das bloße Folgen auch ein Akt der Kommunikation, aber einer mit sehr wenig Aussagekraft. Diese sinkt mit der Menge der anderen Follower irgendwann ins Bodenlose.

Folgen aus gutem Grund

Fakt ist: Folgen ist nicht alles. Ich folge auch nicht nur Leuten, die mir zurückfolgen sollen/werden. Ich entfolge nicht beleidigt, wenn sie mir trotz Dialog(-Versuch) nicht direkt zurückfolgen. Twitter ist ein Informationsdienst mit weit größerem Dialog-Potenzial, als bisher ausgenutzt. Und ich werde den Verdacht nicht los, dass viele Nutzer zwar wollen, aber nicht wissen wie. Scheinbar eingeschüchtert, zu faul oder zu höflich sind. Zahlen allein bieten kaum Mehrwert, Dialog dagegen schon.

Twitter: Chancen nutzen, Voyeurismus beenden

Irgendwie liegt mir das Thema Twitter am Herzen. Aus diesem Grund habe ich damals den “Timelineverbesserer”-Aufruf gestartet und kurze Zeit später gefordert: “Get to know your timeline”. Es tut einfach weh zu sehen, wie an dieser Stelle Potenzial verschenkt wird. Jede Frage, die wir nicht stellen, ist eine verpasste Chance. Social Media bedeutet auch im Privaten nicht, nur aus der Ferne zu beobachten. Wir haben so viele Optionen an dieser Stelle gemeinsam mit anderen, aktiven Nutzern unsere Kommunikations- und Dialogfläche nach unseren Vorstellungen zu gestalten. Wir sollten diese Optionen wieder mehr nutzen.

Wie ist eure Meinung zu dem Thema? Ich freue mich auf eure Kommentare hier oder in dem Social Network eurer Wahl.

Lesetipp: Der gute Birger hat mit einem interessanten Artikel geantwortet.

Photo Copyright: jorgempf (via Flickr)


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  • http://twitter.com/M_Elsner Martin Elsner

    Gute Frage bzw. Aufforderung. Ich bin in Twitter auch noch etwas verloren. Ich würde ja gerne und bin willig – hab nur noch nicht den Zugang gefunden bzw. vielleicht noch nicht die richtigen Dialogpartner, die mich dazu bringen würden, öfter mal reinzuschauen. Mit anderen in Kontakt kommen, ist mit den paar Zeichen auch nicht so leicht und ansonsten kann ich mir halt auch nur Links zuwerfen. Wie gesagt, ich hab einfach noch nicht den passenden Zugang gefunden …

  • http://www.juliangrandke.de Julian Grandke

    Okay, der fehlende Zugang ist dann noch ein anderes Problem, welches aber verknüpft ist. Denn wer an der Stelle sich die Zeit nimmt und den Dialog mit interessanten Followern zu starten, sei es zu ihren Tweets, Präsentationen, Blog-Einträgen oder man stellt eine ganz andere Frage. Ich brauchte auch am Anfang etwas Geduld, bis ich schließlich einen Kern gefunden habe, um diesen herum hat sich einiges entwickeln. Und online hab ich persönlich doch die Mehrzahl spannender Kontakte über Twitter gewonnen. Wenn der Dialog spannend ist, kann man diesen ja auch jederzeit in verschiedene Plattformen/Medien ausweiten. Was beiden Seiten für die jeweiligen Zwecke eben am günstigsten erscheint.

  • http://twitter.com/nele_we Cornelie Picht

    Ich denke, man braucht in erster Linie Geduld und echtes Interesse. Wer Twitter nutzt, um Ich-Botschaften rauszuhauen und auf die Schnelle Follower zu sammeln, wird sich auf Enttäuschungen einstellen müssen. Twitter ist ein hervorragendes Tool zum Dialog, wenn man ihn will, da stimme ich völlig zu.

    Völlig ungeeignet finde ich dafür automatisierte Botschaften und lieblose #FF. Der Follower Friday, eigentlich eine schöne Idee, verkommt durch eine Liste von aufgereihten Empfehlungen zu einem unpersönlichen Ritual. Man könnte auch sagen: “Folgt meiner Timeline.” Eine amerikanische Kollegin, @JaneBozarth, hat dazu kürzlich die Idee gehabt:”Sag doch einfach mal Hallo zu jemanden der Dir folgt und zu dem Du wenig Kontakt hast. Sag was nettes zu seinen Tweets oder frag etwas zur Person.” Das kann funktionieren, muss aber nicht. Und das muss man dann einfach mal aushalten, finde ich.

    Ich mag Deine Ideen zur Timelineverbesserung und mache da weiter gerne mit.

  • Anonymous

    Stimmt, die meisten nutzen Twitter eher passiv, und leider definiert sich Twitter selbst zunehmend als Nachrichtenticker. Dennoch ist Twitter ein hervorragendes Interaktionstool. Es ist hier im Grunde ganz einfach, mit anderen formlos in Kontakt zu treten. Sicher wird nicht immer eine nachhaltige Kommunikation daraus erwachsen, allerdings habe ich auch einige Kontakte über Twitter geknüpft, aus denen sich intensive und bis heute andauernde Beziehungen ergaben. Es ist eben wie im “richtigen” Leben.

    Die Reziprozität ist dabei durchaus ein Thema, und zwar weniger wegen der fehlenden DM-Option. Es geht meiner Erfahrung nach mehr um die erlebte “gleiche Augenhöhe”. Viele Tweeps sehen erst das gegenseitige Followen als Signal für Kommunikationsbereitschaft an. Man könnte natürlich einwerfen, dass dieses Schielen auf die eigene Followerline kindisch ist. Aber genauso ist es: Menschen sind kindisch. Chris Brogan erlebte kürzlich einen Sturm der Entrüstung, als er seinen über hunderttausend Followern allesamt schlagartig entfolgt ist. Für manche brach da tatsächlich die Welt zusammen.

    Die Wirkung von Kontaktaufnahme und Feedback wird eben weit unterschätzt. Das gilt auch auf Twitter.