Creative Engagement, Social Media & Design – Interview mit Steffi Bimmermann & Henry Neumann

Steffi ist tatsächlich einer der wenigen verbliebenen Kontakte, die ich auf MySpace getroffen haben. Nicht nur, weil wir auch geschäftlich mal kurz miteinander zu tun hatten, habe ich seitdem ihre Arbeit und die Entwicklung ihrer Agentur Praganda in den letzten Jahren beobachtet. Diese hat sie gemeinsam mit Henry Neumann aufgebaut und zusammen steht ihre Arbeit oft für innovative Designs und spannende Ideen.

Daher musste ich auch nicht lange nachdenken, wen ich zu den Themen (Web-)Design anno 2011 und Design im Social Media Kontext zum Interview anfragen sollte. Glücklicherweise haben die beiden zugesagt und sich allen meinen Fragen gestellt. Danke dafür und viel Spaß beim Lesen.

Praganda - Steffi Bimmermann & Henry NeumannWas genau versteht ihr unter „Creative Engagement“?

Steffi: Einfach übersetzt bedeutet unser Claim „Kreative Vereinnahmung/Begeisterung“. Das ist unser Missions-Motto und gleichzeitig ein Haupt-Benefit, den wir für unsere Kunden erreichen können.

Henry: Wir glauben, dass die Welt sich gewandelt hat. Heutzutage verkauft nicht derjenige mit dem größten Werbebudget, sondern der, der seine Botschaft am glaubwürdigsten präsentiert und diese mit seinen Marken-Werten konsequent vereint. Das Ergebnis ist dann die kreative Vereinnahmung der Zielgruppe – Menschen, die sich nicht nur mit der kommunizierten Botschaft identifizieren, sondern darüber hinaus auch an die Marken-Werte glauben. Dieses Vertrauen kann man mit zwischenmenschlichen Beziehungen vergleichen und es muss auch ähnlich intensiv gepflegt werden.

Was sind die wichtigsten Faktoren für ein professionelles Webdesign anno 2011?

Henry: Usability ist das Zauberwort. Die User sind verwöhnt. Professionelle Webangebote müssen heute sehr benutzerfreundlich gestaltet sein. Wer den neuen Maßstab nicht beachtet, sinkt sehr schnell in der Gunst der User. Hierbei geht es auch wieder um die Wertschätzung. Einen User mit einem unausgereiften Interface zu konfrontieren bedeutet platt übersetzt: „Du bist mir gleichgültig“. 

Welchen Einfluss hat der immer noch laufende Social Media „Boom“ auf das klassische Webdesign?

Steffi: Zunächst einmal würde ich im Zusammenhang mit Social Media in der Tat nicht von einem Boom, sondern eher von einer Wende reden. Darum möchten viele Unternehmen mitmachen oder haben zumindest das Gefühl, dass sie etwas verpassen, wenn sie es nicht tun.

Social Media verbindet Menschen. Das Problem ist, dass Unternehmen aber keine Menschen sind, auch wenn Sie sich gerne mit menschlichen Werten und Eigenschaften darstellen.

Das Webdesign bildet nun eine mögliche Schnittstelle zwischen realen Menschen – „Usern“ – auf der einen Seite und abstrakten von Menschen erschaffenen Gebilden – „Unternehmen“ – auf der anderen Seite.

Die Kunst besteht also unter anderem darin, zunächst einmal den nötigen und möglichen Grad an Sozialität zu ermitteln, den der User überhaupt von einem Unternehmen erwartet. Dann zeichnet sich der Umfang des Einflusses auf das Webdesign und die dahinterstehende Strategie schnell ab.

Haben die eher sachlichen Designs von Facebook & Co. Auswirkungen auf Kundenwünsche?

Henry: Das ist eine gute Frage, weil wir gerade Facebook aktuell eher zu den unaufgeräumten Angeboten zählen würden. Die Benutzerführung ist ein Beispiel dafür, wie man es komplizierter machen kann, als es sein müsste.

Grundsätzlich haben diese Angebote aber keinen gravierenden Einfluss auf die Gestaltung von Websites, da wir uns immer nach dem Kommunikationsziel richten müssen. Das kann Schlichtheit aber genauso gut Opulenz verlangen.

Welche Möglichkeiten seht ihr, die begrenzten Gestaltungsmöglichkeiten von Fan-Seiten und Profilen optimal auszunutzen?

Henry: Am Anfang steht immer eine gute Idee. Die Idee gibt der Fan-Seite oder einem Profil vor allem inhaltlich die nötige Sinnhaftigkeit. Der formale Aspekt ist oftmals zu eingeschränkt, als darüber Emotionen transportieren zu können.

Content is king.

Wie seht ihr die Bedeutung eines möglichst individuellen Designs für private Blogs?

Steffi: Es kommt ganz darauf an, was der Blogger erreichen will. Wenn er mittelfristig das Ziel hat, vielleicht doch professionell zu publizieren oder das Ziel verfolgt, eine möglichst große Popularität und dadurch höhere Werbeeinnahmen zu generieren, kann ein individuelles Design natürlich hilfreich sein, dieses Ziel schneller zu erreichen.

Henry: Gerade privates bloggen ist aber in der Regel nicht profitorientiert, sondern eine Art Lebenseinstellung. Darum glaube ich, dass die meisten aktiven Blogger mit einem der unzähligen Templates im Web gut bedient sind. Nachrüsten kann man im Zweifelsfall ja immer noch.

In letzter Zeit sind auch QR-Codes wieder im Kommen. Spielen diese auch für eure Arbeit eine Rolle?

Steffi: Ein QR-Code ist nur dann sinnvoll, wenn er Inhalte aus analogen Werbemitteln intelligent multimedial weiterspielen kann. Quasi die Geschichte weitererzählt. In dieser Hinsicht sind natürlich immer wieder Konzepte gefragt, die genau das leisten können.

In den USA versuchen sich einige Brands auch über schön gestaltete Infografiken an Reichweite und Reputation zu gewinnen. Wieso ist dieser Trend noch nicht bis in den deutschsprachigen Raum vorgedrungen?

Henry: Gute Infografiken kosten viel Zeit und damit Geld. Sie sind teilweise echte Meisterwerke und dementsprechend teuer in der Produktion. Damit widersprechen sie dem hierzulande anhaltenden Zeitgeist von schnell und günstig. Sie sind aber vielleicht gerade deswegen eine echte Reputationsmöglichkeit für Marken im deutschsprachigen Raum.

Mit der Offenheit des Social Web sind immer mehr multimediale Inhalte frei verfügbar geworden. Auch hier geht es in Teilen um Reputation. Was kann ein noch wenig bekannter Designer tun, um hier vielleicht mitzuspielen?

Henry: Junge ambitionierte Designer nutzen das Social Web, um sich mit ihren Arbeiten einer möglichst großen Öffentlichkeit zu präsentieren. Aber auch hier ist die goldene Regel wieder ganz einfach. Die Arbeiten müssen relevant sein. Es geht also nicht darum einfach irgendwas zu präsentieren. Hier muss man feinfühlig schauen, was die Menschen oder den Markt gerade bewegt oder eine Lücke bedienen. Wie zum Beispiel Peter Dahmen, er hat sich mit seinen aufwändigen Pop-Up-Arbeiten bereits einen Namen gemacht wie man zum Beispiel auf Youtube sehen kann.

Hat sich eurer Meinung nach durch die Veränderung im Web auch die Gestaltung haptischer Werbematerialien verändert?

Steffi: Nein, die beiden Bereiche werden auch bei allem Fortschritt nicht so schnell verschmelzen. Die Grenze wird mittelfristig klar erkennbar bleiben.

Mehr Informationen zu Praganda: www.praganda.com