Die weltweit erste Crowdfunding-Doku – Interview mit Timon Birkhofer

Das weltweite Interesse an Crowdfunding ist seit 2011 stark angestiegen. Doch es ist mehr als nur ein Hype. Mein heutiger Gesprächspartner Timon Birkhofer nennt es eine Art Revolution. Doch wird sich Crowdfunding in der Masse etablieren können? Lassen sich mehr als nur einmalige Projekte mit Crowdfunding initiieren und finanzieren? Mit Timon sprach ich über viele spannende Einzelheiten, wie Chancen und Risiken, das Potenzial für Politik und Soziales, das bisherige Ausmaß von Crowdfunding in den USA, Deutschland und der Welt, sowie über Timons eigenes Crowdfunding-Projekt auf Kickstarter zur Finanzierung der weltweit ersten Dokumentation über… natürlich: Crowdfunding.

Die Finanzierungsphase läuft noch knapp 55 Tage, in denen sich jeder an dem Projekt beteiligen kann, indem er schon jetzt eine DVD des fertigen Films ordert. Ein Projekt, welches auch ich gerne unterstütze. Nicht nur weil ich Timon noch aus vergangenen Tagen kenne, sondern vor allem weil ich das Thema extrem spannend finde. Ähnlich spannend wie das, was er mir im Interview zu erzählen hatte.

Was fasziniert dich am Thema Crowdfunding?

Es riecht so schön nach Revolution. Kein Scherz. Mit der Mobilisierung der Crowd erleben wir derzeit vermutlich die unmittelbarste Form der Demokratisierung für junge Innovatoren – mit all ihren Chancen und Risiken. Und es wird unser Leben mit Sicherheit in der ein oder anderen Weise verändern, nicht nur von dir und mir – von jedem von uns.

Dabei hatten wir diese Dimensionen am Anfang unserer Recherche noch gar nicht erkannt. Wir sind Independent-Filmer. Und wie alle Filmemacher sind auch wir immer auf der Suche nach Finanzierungsquellen für unsere nächsten Projekte. Da erschien uns Crowdfunding seinerzeit nur als ein neuer möglicher Finanzierungsbaustein. Dass uns das Thema in all seiner Tragweite einmal mit Haut und Haaren verschlingen würde, hatten wir damals nicht geahnt.

Wir sind allerdings auch nicht sonderlich verlegen direkt Kontakt zu Leuten aufzunehmen, die uns interessieren. Also hatte ich mir eines Tages einen Flug in die Staaten gebuc,ht, um mich mit einigen Vorreitern in Sachen Crowdfunding persönlich zu treffen. Und als ich zurückkam waren wir uns einig: Das hier ist Revolution und wir wollen dabei sein!

Capital C Team CrowdfundingWie seid ihr auf die Idee gekommen eine Doku über Crowdfunding zu machen?

Die Frage ist doch vielmehr: Warum hat bisher noch niemand eine Doku über Crowdfunding gemacht? Das Thema hat alles, was ein Dokumentarfilmer sich nur wünschen kann: Dynamik, Helden, spannende Geschichten, weltweite Relevanz.

Die Unsicherheit im Umgang mit Crowdfunding begründet sich sicher auch darin, dass das Thema einfach noch immer schwer zu greifen ist. Schon am Anfang unserer Recherchen stießen wir auf ein immenses Informationsvakuum. Weder war ein moralischer Kodex, noch eine solide Gesetzeslage zum Umgang mit Crowdfunding definiert.

Aber die Netzgemeinde lernt schnell und selbst politische Organe schaffen derzeit in einem atemberaubenden Tempo rechtliche Grundlagen, um der rasanten Entwicklung ihren Segen zu geben. Erst am 05. April hat Barack Obama den Crowdfunding Act unterzeichnet, der die Möglichkeiten des Crowdfundings in den USA immens erweitert. Und als Mutterland der Bewegung wird man von den USA hierzu in nächster Zeit noch einige spannende Entwicklungen erwarten können.

Es formiert sich ein breiter Konsens Pro-Crowdfunding, dem bislang auch große Lobbyverbände der Finanzindustrie erstaunlich wenig entgegenzusetzen haben: Crowdfunding schafft Jobs und stößt in eine klaffende Lücke, die nach dem eklatanten Vertrauensverlust gegenüber den etablierten Kapitalgebern entstanden ist.

Wir stehen am Anfang einer Entwicklung, die innovativen Garagenfirmen eine neue Grundlage zur Finanzierung gibt – eine Grundlage, die durch Banken längst nicht mehr gewährleistet wird. Finanzprodukte sind zu abstrakten Konstrukten geworden, die sich von der Realwirtschaft entkoppelt haben. So entstehen heute mit den Mitteln unserer Zeit neue Institutionen zur Selbsthilfe. Eine Selbsthilfe, die bereits Verlage, Labels und Produktionsfirmen zum Umdenken zwingt. Die Schöpfer ihrer Inhalte sind längst nicht mehr auf die Hilfe der Branchenriesen angewiesen, um ihre Werke an ihre Fans – oder trockener gesagt: an Endkunden – zu bringen. Dank Crowdfunding ist der Austausch zwischen Innovatoren und ihren Unterstützern unmittelbar geworden.

Ihr werdet das Projekt u.a. über Crowdfunding finanzieren. Welche Reaktionen gibt es schon zu dem Thema aus der Community und was erwartet ihr?

Ja, wir wagen den Selbstversuch. Im Moment starten wir auf Kickstarter unsere eigene Crowdfunding-Kampagne zur Finanzierung von CAPITAL C. Und mit Selbstversuch untertreibe ich nicht. Es ist eine emotionale Achterbahnfahrt. Schweißtreibend und verdammt spannend!

Dabei stehen wir erst noch am Anfang der Kampagne. Vor dem Crowdfunding geht es erstmal um das „Crowdfinding“. Das heißt, wir sind derzeit stark im Eins-zu-Eins-Kontakt mit sehr vielen Leuten, um sie auf unser Projekt aufmerksam zu machen. Also mit Menschen wie dir.

Was uns dabei zusätzlich motiviert, ist die Tatsache, dass es sich nie anfühlt als würden wir als Bittsteller auftreten – eine Rolle, in der man leicht steckt, wenn man mit Förderinstitutionen oder Produktionsfirmen verhandelt. Die Leute begeistern sich auf ehrliche Weise für unser Projekt und setzen sich auch in ihrer Freizeit dafür ein, uns ihr Netzwerk an potentiellen Unterstützern zu öffnen. Sie machen sich zum Teil der Sache.

Capital C Crowdfunding Dokumentation
Wo liegen die Grenzen von Crowdfunding bzw. für was eignet sich Crowdfunding eher nicht?

Klassische Finanzierungsmodelle folgen rein analytischen Gesichtspunkten.

Beim Crowdfunding zählt hingegen die emotionale Bindung zum Produkt und seinen Machern.

Das macht Crowdfunding derzeit vor allem für künstlerische Projekte und Projekte mit gesellschaftlicher Relevanz interessant, wenn man sich den Erfolg von Portalen wie Kickstarter, Indiegogo oder hierzulande Startnext ansieht, die genau solchen Projekten eine Plattform bieten.

Doch Crowdfunding gibt es durchaus auch als renditeorientiertes Investment, wie man in Deutschland eindrucksvoll an Portalen wie Seedmatch beobachten kann.

Für beide Crowdfunding-Formen gilt: je abstrakter und erklärungsbedürftiger ein zu finanzierendes Vorhaben ist, desto schwieriger wird es, dafür eine Crowd zu formieren, die bereit ist Geld dafür bereitzustellen.

Der vorherrschende Geist in der noch jungen Crowdfunding-Bewegung fokussiert sich daher stark auf die Unterstützung von Individuen, also Produkt-Designern, Musikern oder sozial engagierten Menschen, die als Person für ihr Projekt einstehen. In Zukunft werden sicher auch etablierte Großunternehmen ihren Weg finden, die Crowd für sich zu gewinnen. Noch zählt allerdings das Individuum.

Ein kleiner Tipp: wer momentan ein nettes Apple-Accessoire in seiner Schublade hat, sollte sich schleunigst mit Crowdfunding auseinandersetzen. Die erfolgreichsten Produktideen kreisen seit einiger Zeit rund ums iPhone.

Capital C BookWas mache ich, wenn ich viel Zeit in ein Projekt investiere und es die Funding-Summe nicht erreicht? Projekt überarbeiten, kleinere Summe verlangen, PR oder allgemein anders vermarkten?

Wenn Du mich als Projektstarter fragst, dann fragst Du einen emotional aufgepeitschten Enthusiasten, der wenig unversucht lässt, um die Leute von seinem Projekt zu begeistern. Das heißt aber längst nicht, dass damit ein Erfolg garantiert ist. Auch wir haben noch einige unruhige Nächte vor uns, um CAPITAL C zum Erfolg zu führen.

Um dir ein paar Tipps unserer Interviewpartner weiterzugeben, die zu einem erheblichen Teil erfolgreiche Projektstarter und Vordenker der Crowdfunding-Bewegung sind: Niemand wird die Genialität deines Projekts von allein entdecken. Gib den Leuten die Chance von deinem Vorhaben zu erfahren. Fang bei Freunden und Bekannten an. Sie werden dir wiederum Freunde und Bekannte aus ihrem Netzwerk empfehlen. Nimm ihr Feedback zu deinem Projekt ernst. Deine Supporter sind es, die deine Idee erst Wirklichkeit werden lassen.

Liest Du Blogs oder andere Medien? Scheu dich nicht, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Auch hinter großen Namen finden sich normale Menschen. Und wenn du dich für das, was sie schreiben interessierst, liegt die Vermutung nahe, dass ihr gar nicht so unterschiedlich tickt und der Autor vielleicht auch deinem Projekt Beachtung schenken wird.

Für den Umgang mit allen Leuten gilt eine scheinbare Selbstverständlichkeit, die aber wahrlich nicht immer Anwendung findet: sei freundlich und nimm die Menschen ernst. Sprich nicht mit der Crowd als namenlose Masse, sondern geh auf die Personen ein. Die Leute haben Namen und Interessen. Sie nehmen dich als Person wahr, tu dies auch mit ihnen. Sprich die Leute also mit Namen an und nimm ihre Fragen ernst.

Wie erklärst du dir, dass so viele Menschen Geld für Projekte geben ohne, dass sie später einen Anteil erhalten?

Oh doch, über Crowdinvestment kannst du sehr wohl Anteile an einem Projekt erwerben. Hier ist meist die monetäre Ertragsaussicht ausschlaggebend, um ein Projekt zu unterstützen.

Wenn wir allerdings von einem Modell wie bei Kickstarter oder Startnext ausgehen, dann spielt Identifikation die entscheidende Rolle. Menschen geben einen entbehrlichen Teil ihres Geldes, um nicht nur Konsument zu sein, sondern aktiver Teil eines Projekts. Durch ihren Beitrag wird das Projekt erst Wirklichkeit. Ein so frühes Engagement kann von Projektstartern natürlich auch ganz anders gewürdigt werden, da sich die Supporter ja schon im Entstehungsprozess beteiligen. Wann sonst hat man z.B. die Chance mal in Film-Credits Erwähnung zu finden? Die Supporter von CAPITAL C haben dazu die Gelegenheit und werden auch während der Entstehung des Films über regelmäßige Blogupdates dabei sein können.

Hast du eine bestimmte Strategie, wie man an dieser Stelle Überzeugungsarbeit leisten kann? Welche Rolle spielt dabei die emotionale Verpackung dieser Projekte?

„Emotionale Verpackung“ ist ein schönes Wort. Du definierst damit schon ganz gut worum es geht. Die Beobachtungen unserer Interviewpartner sind hier relativ übereinstimmend: Zeig den Leuten, dass du liebst was du tust. Wenn du nicht liebst was du tust, warum sollten es dann deine potentiellen Unterstützer tun? Allerdings gibt es unzählige Wege, eine „emotionale Verpackung“ zu schaffen. Im besten Fall zeigt es sich schon über den Charakter deines Projekts. Und natürlich auch über dessen Präsentation.

Kickstarter Crowdfunding

Wie groß ist das Thema Crowdfunding im deutschsprachigen Raum und wie groß ist die Lücke zu US-Plattformen wie Kickstarter?

Deutschlands größte Plattform für Crowdfunding, Startnext, steht aktuell bei einem Fundingvolumen von über einer halben Million Euro seit ihrer Gründung. Demgegenüber stehen Kickstarter, IndieGoGo und weitere US-Amerikanische Plattformen.

Nach eigenen Aussagen beliefen sich die Fundings auf Kickstarter allein im Jahr 2011 auf knapp 100 Millionen US-Dollar, bei mittlerweile mehr als einer Million Usern.

Anders sieht es da noch auf dem Feld der Crowdinvestments aus: Das deutsche Portal Seedmatch hat bislang über 5.000 registrierte Crowd-Investoren und bereits mehrere Firmen mit jeweils 100.000 Euro finanziert. Die schnellste erfolgreiche Finanzierungsrunde in dieser Größenordnung dauerte auf Seedmatch gerade einmal 87 Minuten. In den USA hingegen wurde Crowdinvestment erst durch den bereits angesprochenen Crowdfunding Act aus der rechtlichen Grauzone geführt.

Doch wir sollten nicht übersehen, dass US-Projekte naturgemäß in englischer Sprache ein weltweites Publikum ansprechen und immer häufiger mit großem Marketingaufwand an den Start gehen, während deutsche Projekte allein aufgrund der Sprachbarrieren oft ein lokal wesentlich begrenzteres Publikum erreichen.

Projekte wie „Israel loves Iran“ zeigen, dass Crowdfunding auch in einem politischen Kontext eine gute Rolle spielen kann. Wie groß ist das Potenzial im Bereich Politik und Soziales?

Barack Obama hat bereits in seinem Präsidentschaftswahlkampf 2008 vorgemacht, dass onlinebasiertes Fundraising durch Mikro-Spenden sehr erfolgreich durchgeführt werden kann; der Großteil seiner Spenden kam so zustande. Nun läuft ein Wahlkampf in den USA natürlich auch gänzlich anders ab als hier in Deutschland. Hier ist es nicht gerade auf breiter Basis Usus, politische Spenden zu tätigen. Trotzdem haben auch viele deutsche Politiker und deren Teams dieses Paradebeispiel noch im Hinterkopf.

Das von Dir angesprochene Beispiel zeigt, dass auch außerhalb der USA Funding-Kampagnen aus dem politischen Bereich erfolgreich verlaufen können. In den USA selbst hat bspw. die Occupy-Bewegung bereits in mehreren Aktionen allein bei Kickstarter in Summe mehr als Hunderttausend Dollar über Crowdfunding eingesammelt. Oder wenn man sich das nicht unumstrittene Projekt „Kony2012“ anschaut, dort war bereits nach kurzer Zeit das angebotene Action Kit vergriffen.

Allerdings sollten wir den sozialen Charakter von Crowdfunding selbst nicht vergessen. Der Zugang zu den Online-Medien steht anno 2012 nahezu jedem Menschen der zivilisierten Welt offen. Es ist für Innovatoren schon heute der einfachere Weg, sich eine Webcam zu schnappen und Unterstützer für die eigene Innovation überall auf der Welt zu suchen, anstatt sich bei seiner Hausbank um einen kleinen Startkredit zu bemühen. Diese Entwicklung legt Kapital wieder in die Hände derer die aktiv gestalten. Und jeder von uns hat die Möglichkeit diese Freiheit mitzugestalten.

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