ununi.tv: „Eine Mitmach-Uni für Erwachsene“ – Interview mit Anja C. Wagner

Es war 2011 als ich mit Cornelie Picht zur Social Learning Blogparade (#solea11) aufgerufen habe. Eben diese hat auch wieder ihre Finger im Spiel bei einem neuen Projekt: ununi.tv. Das Projekt versucht die vielen Tools, die uns online zur Verfügung stehen, zu strukturieren und das Wissen was wir uns alle angeeignet haben auszutauschen. Bei Startnext sammelt Gründerin Anja C. Wagner gerade Startkapital ein.

Ein perfekter Anlass um mit Anja über das Projekt ununi.tv, Crowdfunding, den Status Quo und natürlich die Zukunft von Bildung zu reden. Und da ich Anja schon von einem anderen Projekt kannte, sagte sie mir freundlicherweise direkt zu.

Es gibt mittlerweile genügend Tools, um das Thema Bildung günstig bis kostenlos voranzutreiben.

Da muss ich gleich einhaken. “Das Thema Bildung” wird von jedem anders interpretiert. Die meisten Menschen in Deutschland setzen Bildung mit Ausbildung von jungen Menschen für den Berufsalltag gleich. Am Ende gibt es dann eine Prüfung, die man möglichst quantifizieren kann und damit ist das gesellschaftliche Plansoll erfüllt. Für diese Form des Bulimie-Lernens existieren tatsächlich jede Menge Tools, um sich schneller Wissen reinzuprügeln. Das hat aber wenig mit “Bildung” zu tun, so wie ich sie verstehe. Ich spreche davon, dass sich Menschen ihre Umgebung entsprechend ihrer humanen Überzeugung und rationalen Wünsche gemeinsam “bilden” können, sie gestalten können, um sich selbst weiterzuentwickeln.

Fehlt es bislang an Filtern und Struktur, um diese Tools richtig einzusetzen?

Das bestehende Bildungssystem ist mit seiner Ausbildung für das Industrie-Zeitalter an seine Grenzen gestossen. Heute hängen Jobs in den westlichen Ländern weniger vom Fach-Wissen ab, sondern es sind kreative Problemlösungskompetenzen gefragt, die man nicht einfach in der (Hoch-)Schule vermitteln kann. Sofern es genügend Jobs im breiten Stil überhaupt gibt – siehe die Arbeitslosenquoten in den süd-europäischen Ländern. Tools, die dieses an sich veraltete Modell noch unterstützen, helfen uns auf lange Sicht als Gesellschaft nicht weiter. Sie stabilisieren vielmehr ein System, das selbst hinterfragt werden muss.

Okay, dann lass mich die Frage etwas anders formulieren. Es gibt online genügend Tools mit denen sich Leute selbst und kostengünstig weiterbilden können. Durch einen gewissen Selbstvermarktungszwang von Bloggern und (vermeintlichen) Experten nehmen günstige und kostenlose Google Hangouts und Webinare zu. Warum glaubst du, dass eine zentrale Plattform wie ununi.tv, welches auf ähnliche oder dieselben Tools zurückgreift, dennoch sinnvoll ist?

Du hast recht. Diese Form der Selbstvermarktung von Freiberufler/innen unter Nutzung von kostenfreien Tools ist ein Wesenszug des Netzes. Wir haben ja alle mit der Flut an Webinar-Angeboten zu kämpfen, die man in der Masse gar nicht qualitativ einordnen kann. Was wir mit ununi.TV versuchen, ist einerseits eine Strukturierung der Angebote entlang der realen Bedürfnisse realer Menschen. Und andererseits darauf hinzuwirken, eben keine langatmigen theoretischen Exkurse zu irgendwelchen Meta-Themen zu fördern. Wir möchten die Themen darauf zuspitzen, inwiefern damit wirkliche Probleme von erwachsenen Menschen im 21. Jahrhundert gelöst werden können. Nicht im Stile: Ich weiss, wo der Weg lang führt. Sondern als nüchterner Erfahrungsaustausch à la „so mache ich das“. Es geht eben nicht mehr um Wissens-Transfer, sondern um gemeinsame Wissens-Generierung. Insofern nutzen wir zwar dieselben technologischen Tools. Der eigentliche Mehrwert vollzieht sich aber im Backend – im geschlossenen Community-Bereich. Hier werden wir Strukturen einziehen, über die Menschen ins Gespräch kommen. Und ich meine wirkliche Gespräche, weniger Vorträge von Besserwisser/innen.

Was hat dich dazu bewogen ununi.tv zu gründen und wie siehst du allgemein den Status Quo von (Fort-)bildung im deutschsprachigen Web?

Was es heute braucht, sind neue Infrastrukturen, um kontinuierliche Weiterbildungsprozesse zu ermöglichen, abzubilden, aufzubauen. Die einen wahrlich lebenslang begleiten. Bitte jetzt nicht gleich aufstöhnen. Im Ergebnis wird das ganz anders aussehen als die alten Schulmodelle, die man jetzt gleich im Kopf habt, weil man Schule mit Bildung gleichsetzt. Ich spreche davon, dass sich Menschen wechselseitig z.B. von ihren beruflichen Erfahrungen berichten und zusammentun, um gemeinsam wiederkehrende Probleme zu lösen. Entweder kostenfrei, wenn alle noch nicht recht wissen, wo es lang geht. Oder auch kostenpflichtig, wenn ich sehe, dass ein Fach-Experte mir in sehr kurzer Zeit ein Update geben kann, wodurch ich insgesamt z.B. viel Zeit oder Geld einspare. So stellen wir uns bei ununi.TV die Zukunft der Bildung vor – und dafür bauen wir Strukturen auf, die einfach Spass machen. Das unterscheidet uns von anderen Web-Angeboten im Bildungssektor. Auch dort wird weiterhin Wissen vermittelt – es ist das klassische Lehrer-Schüler-Verhältnis, was hier gepflegt wird. Bei uns ist jeder beides zugleich. In einem Feld ist man Experte, im anderen Lernender – wir heben bei ununi.TV die Richtung auf.

Hast du selbst einen Background in diesem Bereich oder noch Dinge im Kopf – sei es das separate Lernereignis oder das Bildungssystem an sich – die du immer anders und besser machen wolltest?

Anja C. Wagner - ununi.tvJa, ich habe einen entsprechenden Background. Ich komme aus der New Economy und habe lange Jahre Konzepte in der E-Learning-Industrie geschrieben, aber auch viele Jahre in der Hochschule grosse Weiterbildungsprojekte durchgeführt. Und schließlich habe ich mich wissenschaftlich mit globaler Bildungspolitik in Zeiten des Internets beschäftigt. Was man verändern müsste, um die Potentiale der kollektiven Intelligenz der vernetzten Menschen nutzen zu können. Alles dies im Wechselspiel mit meinen Mitstreiter/innen bei ununi.TV haben das ununi.TV-Angebot so wachsen lassen, wie es sich heute darstellt. Ich versuche die Möglichkeiten der globalen Vernetzung positiv zu denken – welcher Möglichkeitsraum entsteht da für uns. Wie können wir gemeinsam gestärkt aus der momentanen Krise hervorgehen. Das ist so ein Thema, das mich umtreibt. Und hier möchte ich einen bescheidenen Beitrag liefern.

An wen richtet sich ununi.tv und wie können sich Nutzer dort einbringen?

ununi.TV richtet sich in erster Linie an all diejenigen, die nicht in einem unbefristeten 9-5-Job stecken. Vor allem Freelancer, Selbstständige, Projektmenschen mit befristeten Verträgen oder Teilzeit-Verträgen, aber auch Früh-Pensionäre oder alleinerziehende Mütter oder Väter. Mit anderen Worten: Wir richten uns an die Mehrheit der Erwerbstätigen, die aber kaum bezahlbare, anständige Weiterbildungen finden, weil unser bestehendes Bildungssystem sich immer an dem “Normal-Arbeitsverhältnis” orientiert, was es aber de facto kaum noch gibt. All diesen Menschen bieten wir eine Anlaufstelle mit einem Mitgliedschaftsbereich, wo man zum einen eine kontinuierliche Weiterbildung erhält, die einen auf dem Stand der technologischen Entwicklungen hält. Zum anderen bieten wir in diesem geschlossenen Bereich Anlässe, um die Menschen ihre Erfahrungen austauschen zu lassen, sich weiter zu entwickeln und neue, innovative Angebote gemeinsam zu entwickeln, mit denen sie wiederum Geld verdienen können. Insofern wirkt ununi.TV idealer Weise eines Tages als Dachmarke und Katalysator, über die man sich wechselseitig die Kunden zuspielt.

Was unternehmt ihr alles um euer Startnext-Projekt auf die 25.000€ zu bringen und was sind eure Erwartungen?

Wir unternehmen sehr viel. Zunächst haben wir eine Google+ Community eingerichtet, in die wir unsere Supporter/innen eingeladen haben, die uns inhaltlich wie mental unterstützen. Das sind zwischenzeitlich über 80 Personen und ist ein unglaublich tolle Erfahrung, diese Power zu spüren. Dann bieten wir an jedem Werktag ein kostenfreies Live-Video-Programm an, über das wir die Vielfalt unseres Netzwerkes aufzeigen. Schließlich versuchen wir über Veranstaltungen und Presse-Berichte die Aufmerksamkeit auf uns zu lenken.

Unsere Erwartungen sind eher ambivalent. Wir wissen, dass wir ein sehr erklärungsbedürftiges Produkt anbieten, weil sich kaum jemand den späteren Mitgliedschaftsbereich vorstellen kann aufgrund der vorherrschenden Assoziationen von Bildung gleich Schule. Erst wenn man sich auf die ununi.TV-Community einlässt, kann man den Mehrwert erahnen. Man gelangt hier gemeinsam in einen vernetzten Flow, entwickelt sich weiter – das ist jetzt bereits der Fall. Wir können nicht mehr tun als zu versuchen, mit unserer Kompetenz die Menschen von unserer Arbeit zu überzeugen. Und schauen, ob wir das Geld zusammen bringen. Falls nicht, werden wir die Plattform nicht weiter betreiben können. Das ist jetzt die Entscheidung, die alle gemeinsam fällen müssen.

Welche mittelfristigen Ziele habt ihr euch für ununi.tv gesetzt? Siehst du Ansätze, wie die Plattform für euch in absehbarer Zeit profitabel ist bzw. wie steht es um das Thema Monetarisierung?

Ja, ich denke, wir haben tatsächlich ein sehr gutes Businessmodell. Wir streben ja den Aufbau eines gemeinnützigen Netzwerk-Unternehmens an, so dass wir keinen Gewinn erwirtschaften müssen, sondern “lediglich” die laufenden Kosten für Aufbau und Pflege des Angebotes refinanzieren müssen. Dies müsste mit den angestrebten Mitgliedschaftsgebühren mittelfristig machbar sein. Bis dahin werden wir uns nach erfolgreichem Crowdfunding mit ein paar staatlichen Fördergeldern aus dem Bildungskontext oder aus dem GEZ-Fundus dorthin hangeln können. So der Plan – schauen wir, wo es uns hinführt.

Wenn ihr Anja und ununi.tv unterstützen möchtet, besucht ihre Startnext-Seite oder ununi.tv.